
F: Moin Julian, das 2. Jahr seit der Gründung der Vagabundenjungenschaft beginnt- Wie blickst du auf das kommende Jahr?
J: Auf unserem Silvestertippel besuchten wir eine katholische Jahresabschlussmesse und geblieben ist mir die Botschaft aus der Predigt des Priesters: Trotz aller Krisen und Kriege um uns herum, im Kleinen wie im Großen, entscheidet sich unser Menschsein daran, wie wir damit umgehen und ob wir uns trotzdem für das gute Entscheiden. Das fand ich sympathisch, da es die Verantwortung, wie wir mit dem Leben umgehen, bei uns belässt, egal wie auch die äußeren Umstände sind.
F: Als persönliche Botschaft schön, gilt das aber auch für die Bereiche der Jungenschaft?
J: Sicher. Wir stehen in unserer positiven Entwicklung als Jungenschaft ja auch gegen eine äußere Zeit der Abwärtsspirale.
F: Etwas Abstrakt. Zeit der Abwärtsspirale?
J: Alles stirbt irgendwann und wird durch die Zeit abgelöst, wenn es Funktion und Sinn für Menschen verliert. Das passiert vor allem dann, wenn die Beziehung zum Menschen aufgegeben wird, stattdessen die Organisation und ihre institutionelle Selbsterhaltung im Mittelpunkt steht. Dann wird aus Lebendigkeit Stagnation und irgendwann folgt der Tod. Diesen Trend sehe ich in vielen Bereichen: Die Altparteien weichen den Rändern, der öffentlich-rechtliche Rundfunk weicht Streamingdiensten und TikTok, Die großen Kirchen verlieren an Mitgliedern und vor allem Aktiven, gleichsam Gewerkschaften. Das alles steht hier völlig unpolitisch und neutral, weder beweine ich den Untergang, noch stehe ich jubelnd daneben, aber ich bin bereit ihn zu sehen und verschließe nicht -wie die vielen Boomer- die Augen davor. Und schließlich betrifft das auch die „Bündischen Bereiche“.
F: Dafür wirst du sicher Beispiele zur Hand haben?
J: Nehmen wir nur die Burg Ludwigstein, die von einem jugendbewegt-dynamischen Ort zum Hotel wurde. Nehmen wir die vielen Bünde, die von der Bildfläche verschwanden oder zu Veteranen- und Familienvereinen wurden. Andersherum gefragt: Wo sind denn die jugendlichen Persönlichkeiten und ihre neuen Formen und Aktivitäten, die heraus stechen? Vielerorts sind Formen, ob sie nun Halstuch, Burg oder Barett heißen, inhaltlose Hüllen geworden. Man spielt etwas Vergangenes nach und baut potemkinsche Dörfer. Im Endeffekt belügt man sich damit aber nur selbst. Der Untergang des Alten ist auch hier nicht aufzuhalten. Die Zeit der historischen Jugendbewegung war eine der Suche nach dem Neuen, nach dem zweiten Weltkrieg wurde daraus einer der Besitzstandswahrung.
F: Du sagst also die Zeit der Jugendbünde ist vorbei und hast auch eine Lösung?
J: Jeder der Probleme definiert, um sich selbst dann als einfache Lösung anzubieten, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Gelegentlich flattern mir solche Bundesschriften ins Haus, in denen Bundesführer ihren Bund als Lösung für die Probleme der Zeit anbieten. Das ist verblendet. Wir gehen unseren Weg, weil wir ihn für richtig halten, sehen ihn aber nicht als die eine Antwort an. Werner Helwig beschrieb einmal einen Bund als die suche einer Gemeinschaft von Menschen und Freunden nach mehr Leben, mehr Resonanz in der Welt, jenseits von Künstlichkeit. Das Teile ich und das ist die Grundlage unseres Tuns, daneben gibt es keine Ideologie und der Sinn liegt in unserem Tun als Selbstzweck unabhängig von Weltentwicklungen. Unsere Art zu Leben geben wir innerhalb der Gemeinschaft weiter, darin liegen Sinn, Funktion und Beziehung zum Menschen.
F: Was ist denn dein Weg bzw. deine Antwort für die Vagabundenjungenschaft?
J: Alles muss sich ändern, damit alles gleich bleibt. Das heißt nicht, alles leichtfertig über Bord werfen, was da ist, sondern wahrnehmen, urteilen und Entscheidungen für die Zukunft treffen. Schafft ein System, egal welcher Art, das nicht, ist es Geschichte. Schon Tusk wusste, dass nicht altes wiederholt, sondern neues errungen werden muss. Dabei sind wir an das Mindestmaß an Haltung gebunden, die uns die historische Jugendbewegung mitgab, wenn wir uns auf sie berufen wollen.
F: Machen wir das Konkreter, was heißt das für die Jungenschaft?
J: Alte Strukturen, weichen neuen Strukturen. Neben ortsgebundenen Horten haben wir nun Kreise, in denen sich Jungen überregional zusammenfinden können. Ein Ergebnis einer Zeit, die die individuelle Wahl der Methoden mit der Möglichkeit zur Mobilität über die Einordnung in Ortsstruktur stellt. Das Bekenntnis zu einer Idee ist stärker als das zu einem Ort. Für Fahrten suchen wir neue Räume in der Welt, in denen wir auf Einsamkeit und Freundlichkeit hoffen und für unsere Bauhütten haben wir auch neue Orte gefunden, die ungestörtes Jugendleben jenseits von Alten und Verein ermöglichen. Darüber hinaus bewegen wir uns im stetigen Konflikt zwischen notwendiger Stetigkeit und neuer Dynamik. Dieser Konflikt ist notwendig und harmonisch zu nutzen, wenn eine Bundesleitung und ein Bundesrat das verstanden haben.
F: Du blickst also nach vorne?
J: Absolut, es geht ja in allen Bereichen Aufwärts. Sowohl was die Mitgliederzahlen angeht als auch die Aktivitäten. Es ist ein gegenseitiges und lebensfrohes Überbieten der Aktiven: Wer macht noch mehr und bessere Fahrten. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass man jungen Menschen Räume von Resonanz und Selbstwirksamkeit zugestehen muss. Selbstgestaltung und Selbsterziehung funktionieren, auch wenn die Alten das nicht gerne hören, da es sie dann loslassen müssten. Wir bleiben also hier jugendbewegter und jungenschaftlicher Maxime treu.
F: Dein Ziel für 2026 also Wachstum?
J: Im musischen und im inhaltlichen Bereich ja. Was die Zahlen angeht: Wir bewegen uns täglich im Bereich der Massen, sei es in der Schule, der Uni, in der Stadt oder auf der Autobahn. Warum sollte ich mir diese Vermassung in unseren Bereichen also auch wünschen? Eine Bewegung braucht Massen, um Veränderung zu erwirken. Ein Verein braucht Masse, um materielle Grundlagen zu sichern. Schwache Führer brauchen Masse, um sich selbst darzustellen. Mir selbst reicht eine reihenfüllende Mindestzahl, die fröhlichen Herzens hinter unserem Anliegen steht und auf die die Jungenschaft zählen kann.
Denken wir nur an Hermann Hesses Morgenlandfahrt: wer seine Freunde und seine Abenteuer in der Welt hat, hat seinen Bund gefunden.
F: Ein schöner Schlusssatz und damit wünsche ich dir und uns ein gutes und fahrtenreiches Jahr.
J: Horridoh!

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