Und man wird auch alt

Und man wird auch alt

Las Vegas ist harmloser, als ich es mir vorgestellt habe. Oder es liegt einfach daran, dass es ein Sonntagabend im Februar ist. Die Stadt blinkt in bunten Farben, muffige Casinos und zahlreiche Lokale versuchen um Kunden zu werben. Ich passiere den Eifelturm und eine Pyramide, schüttele einige Prostituierte und Verkäufer ab. Für eine Pause betrete ich eine Bar und bestelle ein Bier. Mein Bundesbruder geht gleich zu süßerem Getränk über. „Etwas verrückt hier mit Halstuch und Barett durch zu laufen und keiner wundert sich“, sage ich. „Vielleicht so verrückt, dass es schon wieder passt“, antwortet er.

Doch zurück zum Anfang. Vor ca. einer Woche ließen wir den Schnee und die Dunkelheit Deutschlands hinter uns und landeten in San Francisco. 18 Grad und Sonnenschein, endlich wieder blauer Himmel. Wir besuchten einen alten Bundesbruder nördlich von San Francisco, im schönen Sonoma County. Die Apfelbäume auf seiner Farm trugen schon die ersten Blüten und alles grünt. Nach ein paar Tagen Singen, Lachen, Essen und sich an alter Freundschaft erfreuen wollten wir nun also auf Fahrt gehen. In den Yosemite, also die pazifischen Küstenberge, sollte es gehen. Alles war gepackt, wir liehen seinen Pick-Up und los ging es, aber weit kamen wir nicht.

In den Bergen war Schneeeinbruch, so etwas hatte ich in all den Jahren noch nicht gesehen: Mindestens 1,5 Meter. Einige Straßen waren geräumt, aber es gab nicht den kleinsten Wanderweg, den man auch nur einen Meter hätte laufen können. Der Schnee türmte sich vor mir bis zur Brust. Also musste ein neuer Plan her: Auf nach Osten.

Meile für Meile summt der laute Motor des Pick-Ups und wir singen Mayers Lied vom donnernden V8-Motor. Passender könnte es nicht sein. Das Gebirge ist nicht zu passieren, alle Passstraßen gesperrt. Um nach Nevada zu kommen, müssen wir also den wirklich riesigen Umweg über Los Angeles nehmen. Kaum erreichen wir die Route 66 wird das Wetter noch schöner: 22 Grad und klarer blauer Himmel. Meine Laune steigt rapide nach oben, der Winter ist vorbei und die Sorgen daheim.

Kurz vor Nevada beginnt die Wüste. Was das für die Augen heißt, hunderte Meilen am Highway zurück zu legen, kann man schwer erklären. Es ist einfach nichts dort. Gelegentlich eine Tankstelle oder alte Geisterstädte, die vermutlich zu verlassenen Minen gehören. Ganz so, wie ihr es vielleicht aus den Western kennt.

Wir zelten erstmals in der Wüste, blicken in den klaren Sternenhimmel und kochen Dosen im Feuer. In der Ferne schiebt sich ein endloser Güterzug vorbei. Am nächsten Tag wollen wir nach Arizona, den Rio Grande, die roten Berge und den Hoover-Damm sehen, doch vorher wollen wir -ganz unzünftig- einen Abend in Las Vegas verbringen.

Was für ein Kontrast: Normalerweise suchen wir die Einsamkeit und Ruhe der Natur und der Wälder, jetzt geht es nach Las Vegas. Das taucht mitten aus dem nichts aus. Eine leuchtende Illusion in der Wüste. Wie Menschen hier leben können, ist mir ein Rätsel. Aus dem Fenster erblicke ich einen Trump-Tower.

Wir besichtigen die absurde Stadt und nun ja, schließlich landen wir in der Bar, quatschen mit ein paar betrunkenen jungen Frauen über Deutschland und Politik. Ich muss plötzlich lachen. Atta fragt: „Was?“ „Ach ich musste da so an eine Geschichte von FM denken.“ „Erzähl!“ „Sein Gruppenführer Waldi war wohl kurz vor dem Ende seiner Bündischen Karriere, als er mit einem Freund und einem alten Kübelwagen nach Gotland aufbrach. Auf der Fähre lernten sie zwei Studentinnen kennen und waren ab da ein paar Tage zusammen unterwegs.“ „Unzünftig.“ „Ja, so wie bei uns, vielleicht sind wir auch alt geworden.“  

Julian


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