Unter der Bundesbuche

Unter der Bundesbuche

Wenn ich einen interessanten Gesprächspartner habe, so stelle ich gerne die Frage: „Was glaubst Du, bedeutet Bund?“ Die Antworten sind immer unterschiedlich, oft auch Gegensätzlich. Manch einer sagt: „eine Idee.“ Manch anderer meint: „Wenn alle Leute zusammen kommen.“ Ein dritter sagt: „Alle Mitglieder zusammen sind der Bund.“

Ich habe meine Antwort letzte Woche gefunden. Dazu muss ich etwas ausholen. Lorenz und ich waren auf dem Rückweg von Sylt. Wir hatten dort jemanden besucht. Eigentlich ein privater Ausflug. Als wir auf dem Rückweg waren, blieb uns noch Zeit. Lorenz meinte: „Lass uns irgendwo noch Zelten.“ Schnell war ein Plätzchen im Wald gefunden; wunderschön gebettet zwischen einem kleinen Flüsschen, einer wilden Wiese mit Hochlandrindern und alten Buchen, unter die wir unsere Schlafsäcke schmissen. Eine Klampfe habe ich für Notfälle immer im Auto und eine Pulle Weißwein fanden wir unterwegs auch noch. Nur Halstuch und Kluft fehlten eigentlich.

Wir saßen also da, am Waldrand, unter dieser alten Buche und brannten ein kleines Feuer ab. Dazu leerten wir unseren Wein aus alten Blechtassen und sangen in die aufkommende Nacht: „Liegen die Schären im silbernen Glanz..“ und „vorm Feinde stand in Reih und Glied.“ Später kam noch ein Jäger vorbei und sah nach dem Rechten, blieb aber friedlich. Ein bizarres Bild muss das gewesen sein, wir in unseren teuersten Sylt-Outfits am Feuer wie die Wandervögel. Könnte fast eine Karikatur sein. Dennoch war es ganz kurz so, als tauchten wir in eine andere Welt ein.

Da war der Geruch von Feuer, der uns zwangsläufig zu der Frage brachte: Was die Gruppen wohl gerade machen? Weißt du noch damals, wo wir das Feuer im Riesengebirge im Sturm machen mussten oder in der Wüste? Ja mit jedem Gespräch wurde alles lebendiger. Fast so, als säße man Pfingsten auf dem Lagerplatz oder wäre auf Fahrt. Und wenn dann noch die Lieder klingen, ist eigentlich alles wie immer, als wäre der Bund da. Vielleicht ist es das: Bund ist ein Erlebnis. Ja, wir haben eine Idee bzw. Philosophie. Ja, ohne die Gruppen und Orte wäre es nur ein flüchtiger Schatten. Aber letztlich ist Bund für mich ein Erlebnis, in das ich eintauche, wenn bestimmte Menschen da sind, die mir in dieser Hinsicht vertraut sind. Wenn es nach rauch riecht und ein Feuer brennt. Wenn unsere Lieder klingen. Eine Scheinprovinz, wie eine Fata Morgana. Ob wir nun zu zweit da hocken oder mit dreißig, das Bundeserlebnis, in das ich eintauche, bleibt für mich gleich und ohnehin subjektiv. Vielleicht ist es das, was Hermann Hesse meint, wenn er in seiner Morgenlandfahrt über seinen Bund schreibt:

Der Zug nämlich verlief nicht in einer festen Ordnung, so dass alle Teilnehmer in mehr oder weniger geschlossenen Heersäulen, alle in gleicher Richtung, gezogen wären. Vielmehr waren zahllose Gruppen gleichzeitig unterwegs, jede ihren Führern und ihren Sternen folgend, jede stets bereit, sich in eine größere Einheit aufzulösen und eine Weile ihr anzugehören, aber nicht minder bereit, stets auch wieder vereinzelt weiterzuziehen. Mancher zog auch ganz allein seines Weges, auch ich bin zuzeiten allein marschiert, wenn irgendein Zeichen oder Ruf mich auf eigene Wege lockte.


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